Wenn die Vogelstimmen verstummen: Die Dürre 2026 und ihre Folgen für die Brutvögel
Ein auffallend stiller Sommer
Noch 2025 war die Vogelwelt auf unserem Grundstück ausgesprochen lebhaft. Während der Brutzeit waren zahlreiche Vögel zu hören und zu beobachten. Gesang, Revierverhalten und die Versorgung von Jungvögeln bestimmten das Geschehen in Bäumen, Hecken und Sträuchern.
Im Jahr 2026 veränderte sich dieses Bild mit zunehmender Trockenheit deutlich.
Die Vogelaktivität nahm ab. Es wurde ruhiger. Einzelne Bruten wurden aufgegeben, und bei anderen Vögeln blieben weitere Brutversuche aus, die im Vorjahr noch zu beobachten gewesen waren.
Wie viele Jungvögel tatsächlich aufgezogen wurden und wie viele die ersten Lebensmonate überstanden haben, lässt sich bislang nicht feststellen.
Die Beobachtungen werfen die Frage auf, welchen Einfluss die aussergewöhnliche Trockenheit auf die Fortpflanzung der heimischen Vogelarten hatte.
Die Dürre 2026 in der Bretagne
Die meteorologischen Daten bestätigen, dass die Bretagne im Jahr 2026 eine aussergewöhnliche Trockenperiode durchlebte.
Nach sehr niederschlagsreichen Monaten im Januar und Februar änderte sich die Wetterlage im Frühjahr erheblich. Bereits März und April waren deutlich trockener. Im Mai brachten Niederschläge vorübergehend Entlastung, doch mit der frühen Hitze gegen Monatsende trockneten die Böden erneut aus.
Im Juni und Juli verschärfte sich die Situation. Die Niederschläge blieben weitgehend aus, während hohe Temperaturen die Verdunstung verstärkten.
Nach Angaben der französischen Umweltbehörde DREAL Bretagne erreichte die Bodenfeuchtigkeit Mitte August historisch niedrige Werte. Besonders angespannt war die Situation im Finistère und in den Côtes-d’Armor.
Das Département Côtes-d’Armor befindet sich seit dem 14. August 2026 offiziell in der höchsten Dürrewarnstufe, der crise sécheresse.
Einzelne Niederschläge im Spätsommer verbesserten die Lage nur vorübergehend. Auch im September blieben die Regenmengen vielerorts deutlich unter den üblichen Werten.
Für die Tierwelt war vor allem die zeitliche Abfolge entscheidend. Die Trockenheit entwickelte sich während der Brutzeit und verstärkte sich anschliessend über mehrere Monate.
Weniger Wasser, weniger Nahrung?
Für viele Vogelarten ist nicht allein die Verfügbarkeit von Trinkwasser entscheidend. Ebenso wichtig ist die Frage, wie sich Trockenheit auf ihre Nahrungsgrundlage auswirkt.
Amseln beispielsweise suchen einen erheblichen Teil ihrer Nahrung am Boden. Regenwürmer, Insekten und andere wirbellose Tiere spielen insbesondere während der Jungenaufzucht eine wichtige Rolle.
Wenn die oberen Bodenschichten austrocknen, ziehen sich Regenwürmer in tiefere, feuchtere Bereiche zurück. Für die Vögel werden sie damit schwerer erreichbar.
Auch die Entwicklung und Aktivität anderer Wirbelloser wird durch Temperatur und Bodenfeuchtigkeit beeinflusst.
Nahrungsmangel während der Brutzeit kann verschiedene Folgen haben. Altvögel müssen mehr Zeit für die Nahrungssuche aufwenden. Die Versorgung der Nestlinge kann schwieriger werden. Unter ungünstigen Bedingungen sinken Wachstum und Überlebenschancen der Jungvögel.
Die französische Vogelschutzorganisation LPO weist ausdrücklich darauf hin, dass Nahrungsmangel während Trockenperioden für junge Amseln problematisch werden kann.
Ob die beobachteten Brutabbrüche auf unserem Grundstück tatsächlich durch Nahrungsmangel verursacht wurden, lässt sich ohne zusätzliche Untersuchungen allerdings nicht nachweisen.
Was die Wissenschaft über Dürre und Bruterfolg weiss
Eine 2024 im Journal of Animal Ecology veröffentlichte Metaanalyse untersuchte die Auswirkungen von Dürre auf 204 Vogelarten. Die Forschenden werteten Ergebnisse aus 29 wissenschaftlichen Studien aus.
Insgesamt zeigte sich ein negativer Einfluss von Trockenperioden auf verschiedene demografische Kennzahlen. Besonders bei Arten, die sich von Wirbellosen, Früchten, Nektar oder gemischter Nahrung ernähren, wurden auf Populationsebene Rückgänge der Bestände oder der Fortpflanzungsleistung festgestellt.
Die Auswirkungen waren allerdings keineswegs bei allen Arten gleich. Entscheidend waren unter anderem die Dauer und Intensität der Dürre sowie die ökologischen Eigenschaften der untersuchten Arten.
Eine weitere Studie aus dem Jahr 2024 untersuchte drei nordamerikanische Singvogelarten während einer schweren Dürre in Kansas. Die Forschenden stellten fest, dass sich die Brutaktivität bei mehreren Arten auf den früheren Teil der Saison konzentrierte. Spätere Brutversuche blieben weitgehend aus.
Interessanterweise war der Erfolg einzelner begonnener Bruten nicht generell schlechter als in niederschlagsreicheren Jahren.
Auch die zeitliche Verteilung der Brutversuche ist deshalb entscheidend.
Ein zusätzlicher Befund kommt aus Frankreich. Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung des Muséum national d’Histoire naturelle wertete Daten von mehr als 300’000 Vögeln aus 68 Arten für die Jahre 1991 bis 2022 aus.
Das Ergebnis widerspricht einer pauschalen Annahme, wonach trockenere Frühjahre grundsätzlich schlechter für Singvögel seien. Unter den untersuchten Bedingungen war die Fortpflanzungsleistung in wärmeren und trockeneren Frühjahren häufig sogar höher.
Die Forschenden fanden aber auch Hinweise auf negative Auswirkungen hoher Temperaturen, insbesondere im späteren Frühjahr und bei bestimmten Arten.
Diese Erkenntnisse zeigen, dass zwischen einem mässig trockenen Frühjahr und einer lang anhaltenden, von extremer Hitze begleiteten Dürre unterschieden werden muss.
Dokumentierte Brutverluste in den Côtes-d’Armor
Dass die aussergewöhnlichen Bedingungen des Sommers 2026 konkrete Folgen für brütende Vögel hatten, zeigen Beobachtungen aus der Réserve naturelle nationale de la baie de Saint-Brieuc.
In ihrem Bericht vom 9. Oktober 2026 dokumentiert die Naturschutzverwaltung erhebliche Verluste bei mehreren Vogelarten.
Auf der kleinen Insel Verdelet wurden am 29. Juni auf der besonders sonnenexponierten Südostseite 35 aufgegebene Kormorannester festgestellt. In deren Umgebung lagen tote Jungvögel.
Lediglich sechs Jungvögel aus drei Nestern hatten dort überlebt.
Auf der stärker geschützten Nordwestseite war dagegen nur etwa ein Drittel der Nester verschwunden.
Der Unterschied zwischen beiden Seiten deutet auf eine erhebliche Bedeutung der Hitzeexposition hin.
Auch bei weiteren Seevögeln wurden erhöhte Verluste dokumentiert. Beim Flussregenpfeifer verursachten die hohen Temperaturen zusätzliche Belastungen während der Brutpflege. Gleichzeitig beeinträchtigten die extremen Bedingungen die Verfügbarkeit wirbelloser Nahrung an der Küste.
Die Ergebnisse betreffen andere Lebensräume und Vogelarten als meine Beobachtungen im Landesinneren. Sie belegen deshalb nicht deren Ursachen. Sie zeigen aber, dass die Wetterextreme von 2026 bereits während der Brutperiode messbare Auswirkungen auf bretonische Vogelbestände hatten.
Die Teichrallen: Erfolgreiche Bruten trotz Trockenheit
Auf unserem Grundstück bot sich bei den Teichrallen ein anderes Bild.
Während die Brutaktivität verschiedener Landvögel auffällig zurückging, setzten die Teichrallen (Gallinula chloropus) ihre Fortpflanzung fort.
Zwei Brutpaare waren erfolgreich. Ein Paar zog zweimal Küken auf, ein zweites sogar dreimal.
Die insgesamt sieben Jungvögel haben sich weiterentwickelt und sind auch im Herbst teilweise noch auf dem Grundstück unterwegs. Häufig lassen sich mehrere Tiere gemeinsam beobachten.
Dass beide Brutpaare auf unserem Grundstück trotz der Trockenheit Nachwuchs aufziehen konnten, ist eine bemerkenswerte Beobachtung.
Eine mögliche Erklärung liegt in der Verfügbarkeit der Teichlebensräume. Solange ausreichend Wasser, geeignete Ufervegetation und Nahrung vorhanden bleiben, können solche Gewässer während einer Trockenperiode wichtige Rückzugsräume bieten.
Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass Teichrallen grundsätzlich weniger unter Dürre leiden als Singvögel.
Auch Wasservögel sind gefährdet, wenn Gewässer austrocknen, Ufervegetation verschwindet oder ihre Nahrungsgrundlage beeinträchtigt wird.
Die erfolgreichen Bruten zeigen zunächst, dass die lokalen Bedingungen für diese beiden Paare ausreichend günstig geblieben sind.
Weniger Vogelgesang bedeutet nicht automatisch weniger Vögel
Die zunehmende Ruhe auf dem Grundstück war eine der auffälligsten Veränderungen des Sommers.
Allerdings ist die akustische Aktivität allein kein zuverlässiger Massstab für die Anzahl vorhandener Vögel.
Bei vielen Singvogelarten nimmt der Gesang nach der Hauptbrutzeit natürlicherweise ab. Auch Mauser, veränderte Aktivitätszeiten und das Aufsuchen schattiger Rückzugsräume beeinflussen die Beobachtbarkeit.
Bei hohen Temperaturen können Vögel ihre Aktivitäten zudem stärker auf die kühleren Tageszeiten verlagern.
Aus weniger Gesang lässt sich deshalb nicht unmittelbar auf eine gesunkene Populationsgrösse schliessen.
Anders zu bewerten sind konkrete Beobachtungen aufgegebener Nester oder ausbleibender weiterer Brutversuche. Sie liefern Hinweise auf Veränderungen der Fortpflanzungsaktivität, auch wenn deren Ursachen nicht immer eindeutig erkennbar sind.
Für eine zuverlässige Beurteilung braucht es wiederholte Beobachtungen über mehrere Jahre.
Welche Folgen werden 2027 sichtbar?
Ende Oktober 2026 lässt sich noch nicht beurteilen, welche langfristigen Auswirkungen die Dürre auf die lokalen Vogelbestände haben wird.
Dazu fehlen sowohl vollständige Angaben über den Bruterfolg als auch über das Überleben der Jungvögel nach dem Ausfliegen.
Bei zahlreichen Vogelarten ist die Sterblichkeit im ersten Lebensjahr hoch. Eine erfolgreiche Brut bedeutet deshalb nicht automatisch, dass alle Jungvögel das nächste Frühjahr erreichen.
Hinzu kommen Abwanderung, Zuwanderung und die natürliche jährliche Schwankung der Bestände.
Das kommende Frühjahr wird dennoch aufschlussreich sein.
Wie viele Brutreviere werden erneut besetzt? Welche Arten beginnen mit der Fortpflanzung? Werden wieder mehrere Bruten beobachtet? Und wie entwickeln sich die Bestände der Teichrallen?
Ein Vergleich mit 2025 und 2026 kann erste Hinweise liefern. Um einen tatsächlichen Rückgang festzustellen und dessen Ursachen einzugrenzen, wären allerdings systematische Erfassungen über mehrere Jahre erforderlich.
Die Beobachtungen des Dürrejahres 2026 bilden dafür einen Ausgangspunkt.
Sie zeigen bereits jetzt, dass selbst innerhalb eines einzigen Grundstücks verschiedene Vogelarten sehr unterschiedlich auf dieselben aussergewöhnlichen Umweltbedingungen reagieren.
Ob die beobachteten Veränderungen vorübergehend bleiben oder sich langfristig auf die Brutvogelgemeinschaft auswirken, ist eine offene Frage.
Die Beobachtungen werden fortgesetzt.
Quellen und weiterführende Literatur
- DREAL Bretagne (2026): Situation hydrologique en Bretagne mi août 2026. Regionale Daten zur aussergewöhnlichen Bodentrockenheit, Grundwasserständen und Wasserführung. Originalbericht
- Météo Bretagne (2026): 2026 : de l’excès de pluie à la sécheresse en Bretagne. Meteorologische Entwicklung von Januar bis September 2026. Originalbericht
- Réserve naturelle nationale de la baie de Saint-Brieuc (2026): L’été 2026 : quand les chiffres racontent le réchauffement. Dokumentation von Hitze und Brutverlusten bei Seevögeln. Originalbericht
- Zhang, L. B., Ma, Z. & Liu, Y. (2024): Biological traits and biome features mediate responses of terrestrial bird demography to droughts. Journal of Animal Ecology, 93, 1868–1880. Wissenschaftliche Studie. Wissenschaftliche Studie
- Smith, E. B. et al. (2024): Consequences of drought for grassland songbird reproduction. Ecosphere, 15(1), e4746. Wissenschaftliche Studie. Wissenschaftliche Studie
- Thepault, A. et al. (2025): Warm or Dry Springs (Still) Boost the Reproduction of Most Temperate Songbirds. Global Ecology and Biogeography, 34, e70138. Wissenschaftliche Studie. Wissenschaftliche Studie
- Ligue pour la Protection des Oiseaux (LPO): Merle noir und Gallinule poule-d’eau. Artporträts zu Ernährung, Fortpflanzung und Lebensraum. Zur Amsel · Zur Teichralle
Havre du Vivant | Feldbeobachtungen und Biodiversität in der Bretagne, Nov